Begründer der systemischen Sexualtherapie

Der Begriff Sexualtherapie wurde von dem amerikanischen Mediziner William Masters und der Psychologin Virginia Johnson geprägt, die im Jahr 1970 ihr sexualtherapeutisches Konzept vorstellten. Diesem gingen in den fünfziger und sechziger Jahren durchgeführte Studien zur Physiologie der menschlichen Sexualität voraus. Die wichtigsten Erkenntnisse hieraus waren die einzelnen Phasen der sexuellen Reaktion: Erregungsphase, Plateauphase, Orgasmusphase, Rückbildungsphase sowie die Unterscheidung zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus.

Der hier vorgestellte Ansatz ist inspiriert von den Arbeiten des amerikanischen Paar- und Sexualtherapeuten David Schnarch und bezieht sich auf das von Ulrich Clement geprägte Konzept der „Systemischen Sexualtherapie“ (Clement 2004).

Was bedeutet systemische Therapie?

Die systemische Therapie betrachtet das Individuum und seine Verhaltensweisen nicht isoliert, sondern nimmt es in seinen Beziehungen zu anderen Menschen und Systemen (z.B. Partnerschaft, die eigene Familie, Freunde, der Arbeitsplatz) wahr. Man geht davon aus, dass die Klienten selbst Experten ihrer Lebenssituation sind und die Fähigkeit besitzen, auch schwierige Situationen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Der Fokus liegt hierbei auf den Ressourcen und Stärken der Klienten. Der systemische Ansatz ist lösungsorientiert.

Was passiert bei einer systemischen Sexualtherapie?

Ein wichtiger Bereich in vielen Paarbeziehungen ist die Sexualität. Im therapeutischen Gespräch werden die Paare ermutigt, über ihre eigenen sexuellen Wünsche und Phantasien mit ihrem Partner zu sprechen. Die systemische Sexualtherapie als „Paartherapie des Begehrens“ nach Clement legt den Fokus darauf, das sexuelle Profil (z.B. bisherige Erfahrungen, sexuelle Wünsche und Phantasien, Selbstbefriedigung) der einzelnen Partner zu erfragen und zu erforschen. In einem weiteren Schritt geht es um die Differenzierung der einzelnen Profile. Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo liegen Unterschiede, die möglicherweise zu Spannungen und Konflikten in der Paarbeziehung führen? Das therapeutische Vorgehen ist geprägt von Interventionen, die auf das Spannungsfeld von gelebtem Verhalten und nicht gelebter Phantasie sowie auf die Unterbrechung sexueller Interaktionsmuster zielen.

Mit Hilfe unterschiedlicher Methoden wie systemischen Fragetechniken und Aufstellungen werden zusammen mit den Klienten neue Perspektiven erarbeitet und somit Veränderungsprozesse in Gang gesetzt. Zwischen den Sitzungen werden die Paare angeregt, neue Verhaltensweisen und Musterunterbrechungen im Alltag zu erproben. Das Ziel einer systemischen Sexualtherapie besteht darin, Neugier auf die unentdeckten, erotischen eigenen Seiten und die des Partners zu bekommen. Daraus ergeben sich häufig neue gemeinsame Möglichkeitsräume und es kommt zu einer Verbesserung der anfänglichen Symptomatik. Die individuellen Ziele einer systemischen Sexualtherapie werden gemeinsam mit dem Paar eruiert und vereinbart.

Wann ist systemische Sexualtherapie sinnvoll?

Eine Sexualtherapie hilft bei Schwierigkeiten mit dem eigenen Sexualleben, die mit einem Leidensdruck verbunden sind und sich im Sexualverhalten und im sexuellen Erleben äußern.

Mögliche Gründe, eine systemische Sexualtherapie in Anspruch zu nehmen:

  • sexuelle Luststörungen (Lustlosigkeit/gesteigertes sexuelles Interesse)
  • ausbleibende Lubrikation (Feuchtwerden der Vagina) oder Erektion
  • vorzeitige Ejakulation
  • Orgasmusstörungen
  • Vaginismus (Verkrampfung der Vagina)

Paare oder Einzelpersonen suchen sich in der Regel externe Hilfe, wenn diese Symptome nicht nur vorübergehend oder zeitweise auftreten, sondern es bereits zu einer Chronifizierung der Symptomatik gekommen ist. Eine fachärztliche Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen (z.B. bei einem Urologen/Gynäkologen) findet häufig im Vorfeld statt.

Allgemeine Informationen zur systemischen Sexualtherapie

Die systemische Therapie und Beratung ist als wissenschaftlich anerkanntes Psychotherapieverfahren eingestuft und gilt als ein äußerst wirksames Verfahren. Nach den Richtlinienverfahren der Krankenkassen ist sie bisher (Stand 03/2018) jedoch nicht anerkannt. Die Kosten für eine systemische Sexualtherapie werden somit in der Regel von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen nicht übernommen. Dies gilt es jedoch im Einzelfall zu prüfen. Die Berufsbezeichnungen rund um Paar- und Sexualtherapie sind gesetzlich nicht geschützt. Es gibt in Deutschland verschiedene Weiterbildungsinstitutionen, die für Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen zertifizierte Qualifizierungsmaßnahmen anbieten. Die Sitzungen finden in der Regel mit einem Abstand von ca. drei Wochen statt. Manchmal genügen bereits drei bis fünf Sitzungen, um eine Verbesserung der Symptomatik zu erreichen. Die Ausgestaltung und Dauer der Therapie findet in Absprache mit dem Therapeuten statt.

Autorin: Hanna Gmähle


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